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Rede von Jessica Ullrich anlässlich der Ausstellung in der Galerie Nord 2003 Uta Jeran und Massoud Graf-Hachempour „Reihungen“



Das gemeinsame Thema von Uta Jeran und Massoud Graf-Hachempour ist wie der Ausstellungstitel schon verrät die Reihung, dieSerie, damit auch die Wiederholung und ständige Variation einmal gefundener Motive oder Formen. Beide beschäftigen sich mit großer Ernsthaftigkeit mit ihren jeweiligen Themen ohne Rücksicht auf das, was in der Kunst gerade zeitgeistig ist.

… Uta Jeran hat eine klassische Malausbildung durchlaufen und war an der Hochschule Weißensee Meisterschülerin bei Dieter Goltzsche. Mit dem klassischen Erbe geht sie jedoch unverkrampft um und zeigt keinerlei Interesse an der akademischen Tradition des Ästhetischen. Ihre Themen allerdings sind durchaus klassisch zu nennen: Sie malt sinnliche Akte, Köpfe – oftals düster-sensible Seelenprotokolle - und arkadisch- durchlichtete Landschaften.
Jeran beginnt ein Bild immer mit einer konkreten Vorstellung, Vorzeichnungen macht sie jedoch nicht. Als genuine Malerin argumentiert sie allein aus der Farbe heraus. Acryl verwendet sie dabei, um schneller ihrer Bildidee Form geben zu können. Der impulsive Pinselstrich und das grell- leuchtende, aber manchmal auch schmutzig-stumpfe Kolorit erinnern zuweilen an die expressive Malerei der Jungen Wilden. Doch die temperamentvolle Skizzenhaftigkeit ihrer Malerei täuscht: die Bildentstehung ist ein langwieriger Prozess, immer wieder nimmt sie sich die Leinwände vor, bis die innere Ordnung und der gewünschte Ausgleich von Farbe und Form erreicht sind.

In Uta Jerans Bildern ist die expressive Auflösung des Figuralen nie bis zur Abstraktion getrieben. So bleiben die großzügig angelegten Körperformen immer erkennbar als Akt oder Kopf. Die weiblichen Akte entstehen sowohl vor dem Modell, als auch nach Erinnerungsbildern oder aus der reinen Vorstellung heraus. Die formal stark reduzierte Gegenständlichkeit dient ihr vor allem dazu, kompositorische Konzepte zu verwirklichen. Dabei nimmt Jeran unbeirrbar auch falsche Körperproportionen in Kauf oder wählt disharmonische Gewichtungen im Kompositorischen, um dekorativer Gefälligkeit entgegen zu wirken. Es ist niemals das Porträt eines konkreten Individuums oder das platte Abschildern der Wirklichkeit gemeint, sondern geht immer um eine bestimmte Emotion oder einen seelischen Zustand, die durch die Köperhaltung ausgedrückt werden soll, bzw. sich in dieser spiegelt. Begehren, Leidenschaft, Verletzlichkeit, Lust, Aggression, Heiterkeit, Zorn, Lebensfreude, keine menschliche Regung ist ihrer intuitiven Imagination fremd. (Ihre sprechenden Titel künden davon.)

Nicht von vorneherein intendiert, doch als gelungene Koinzidenz erscheint, dass Jeran in den für diese Ausstellung entstandenen Bilder häufig dieselbe Farbigkeit wie Graf-Hachempour bevorzugt: schwarz, weiß, rot. Dabei ist ihre Farbgebung emotionaler als bei dem Bildhauer. Die Reduktion auf wenige Farben stellt insofern eine Herausforderung an die Malerin dar, da sie in den vergangenen Jahren meist auf eine breitere Palette zurückgriff. Oft eignet sich die Untergrundfarbe als gedanklicher Ausgangspunkt, der den weiteren Farbklang vorbestimmt. So bezieht sie den schwarzen Grund> einiger Blätter gezielt in ihre Kompositionen ein oder aber legt farbige Gründe an, um eine Basis für ihre Malerei zu schaffen.

Jeran benutzt aber nicht nur die Farbe ihrer Bildgründe als Inspirationsquelle, sondern verwendet zuweilen bereits bemalte Leinwände oder bedient sich beschrifteter Papierbögen, etwa aus Zeitschriften, die leicht durchschimmern. Bei früheren Arbeiten hat sie auch collagiert, gemusterte Papiere, Stofffetzen oder Blätter in ihre Bilder eingearbeitet. So entsteht Neues auf dem Humus von alten Bildfindungen. Inhaltliche Bezüge lehnt sie jedoch ab und negiert sie durch vehemente Übermalung, wenn sie sich als zu dominant erweisen. Komposition ist stets wichtiger als interpretierbare Bedeutung. Auch die haptischen Charakteristika der Untergründe üben einen besonderen Reiz auf sie aus, so sind die Wellen im farb durchtränkten Papier intendiert und schaffen eine neue bildplastische Kategorie.

Mit kräftig gesetztem Strich legt sie eine Körperillusion fest und strukturiert die Ausarbeitung des Bildthemas. Rasche, aber nicht flüchtige Pinselstriche fassen die Einzelheiten zusammen. Manche Blätter entfalten durch die lasierend und zart aufgetragene Farbe eine beinahe aquarellige Anmutung, andere wirken durch den deckenden Duktus wie Scherenschnitte von Matisse. Zarte Linien und dicke Kohlestriche wechseln sich ab, um Konturen anzulegen oder Akzente zu setzen. Graphische und malerische Elemente, flächige und räumliche Bildpassagen stehen so in spannungsvollem Gegensatz. Die Akte behaupten sich vor allem durch ihre starke Farbpräsenz in den in Aufruhr befindlichen Bildräumen. Die umgebende Farbfläche als Gefühlsumfeld des Körpers bleibt nicht an ihre jeweiligen Gegenstand gebunden. Maltechnik und Motivwahl durchdringen sich in ungebremsten Kolorismus.

Bevor sich Uta Jeran mit dem Thema der Reihung auseinandersetzte, dominierte das verwandte Motiv der Paarbildung ihre Leinwände. Auch in dieser Ausstellung finden sich Paare, die die Vereinzelung des Individuums scheinbar aufheben – wie die beiden großen Formate von vitaler Ursprünglichkeit und heiterer Farbgebung – aber auch Paare, die als schmerzhaft getrennt erfahren werden, wie etwa Hamlet und Ophelia, die als isolierte Figurenkonstellation auf einem jeweils eigenen Tableau auftauchen. Angeregt von Heiner Müllers Shakespeare-Bearbeitung Hamletmaschine entwirft Jeran ein düsteres Szenario der tragischen Existenz dieses berühmten Liebespaares. Hamlet fast nur aus Kontur bestehend ist rot silhouettiert wie das Blut, das er vergießen wird. Sein hockender buddhahafter gesichtsloser Körper füllt die ganze Leinwand. Ebenso massig, wenn auch keinesfalls massiv ist ihm Ophelia zugeordnet. Ihr verschattetes Gesicht und betontes Geschlecht weisen schon auf das drohende Unheil hin, das ihrer Beziehung entspringt. Obwohl Ophelia eher noch als Hamlet als Herrin ihrer Handlungen erscheint, liefert dieses Paar doch ein Abbild der Geworfenheit des Menschen. Der festgehaltene Augenblickseindruck wird zur Situationsbeschreibung des zuweilen verhängnisvollen Verhältnisses zwischen Mann und Frau. Dabei formuliert Uta Jeran keine endgültigen Bildaussagen; alles ist nur angedeutet, bleibt für eigenen Interpretationen offen. So sind beispielsweise auch die Gesichter ihrer Aktfiguren häufig mit breiten, heftigen Pinselstrichen durchkreuzt und unkenntlich gemacht. Das Gesicht wird dabei zur Leerstelle, die dem Betrachter Raum für Identifikation gibt, er kann sich selbst mit seinen psychischen Befindlichkeiten im Bild verorten. Die innere Haltung sowohl der Malerin als auch des Betrachters werden in der äußeren Identität der Bildwelt gespiegelt.

Trotz der seriellen Hängung und der stetigen Variation des inhaltlich gleichen Themas steht und wirkt doch jedes Bild für sich allein und legt in der Reihung niemals eine lineare Narration nahe. Jedes Bild gewinnt durch die starke körperliche Präsenz ein authentisches, nur ihm eigenes Sein. Hier zeigt sich die Stärke von Jerans Figuration, die sich auf pure Existenzbeschreibung konzentriert.

Die Kunst sowohl von Uta Jeran als auch von Massoud Graf-Hachempour hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Welt in ihrer Vielfalt zu ordnen, Jeran tut das indem sie sich an wenigen figürlichen Motiven, der Frau, dem Kopf, der abstrahierten Landschaft in immerneuen bildmächtigen Farbtafeln abarbeitet, Hachempour, indem er die verschiedenen Entwicklungs- und Verwandlungsmöglichkeiten eines einzigen Elements in alle erdenklichen Richtungen ausprobiert. Das kompositorische Repertoire beider Künstler ist reduziert, jedoch nie redundant.

Das durchschaubare Ordnungssystem der Reihung steht zwar in der Tradition des seriellen Minimalismus, ist hier jedoch ohne dessen kühle und schematische Rationalität aufgefasst. Jerans und Graf-Hachempours Arbeiten bieten vielmehr Felder der Erfahrung und Reflexion, die nicht im kognitiven Intellekt, sondern ganz und gar in den schöpferischen Möglichkeiten der Farbe und der Form angesiedelt sind.

Klang, Gegenklang und Harmonie sind Kompositionselemente sowohl der plastischen als auch der malerischen Positionen, die sie heute hier erfahren können. Bei beiden Künstlern werden auf den ersten Blick simple Motive durch fortschreitende Metamorphose komplexer, die Entwicklung der Formfindung im künstlerischen Schaffensprozess und das handwerkliche Tun werden zum Nachvollzug durch den Betrachter offen gelegt. Sie sind jetzt aufgefordert, den Raum für innere Anschauung und denkendes Sehen, der ihnen heute hier eröffnet wird, zu nutzen.



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