Banner



Text von Marcus Schramm anlässlich der Ausstellung in der Galerie 100
"Kennst du das Land..."



Der Blick wandert. Er sieht in ein Dickicht aus Grün, schaut auf eine Bucht aus wässrigem Blau, klettert den gegerbten Berg empor und gelangt dann an einen rosigen Strand. Es ergeben sich Aussichten über Felder aus Ocker, in die weinrote Ebene, auf eisiges Weiß. Ein wolkiges Grauweiß schwebt in himmelfernem Hellblau. Man wandelt zwischen den Welten.

Die Ausstellung der Malerin Uta Jeran ist eine Art Spaziergang - eine Wanderung durch Bildwelten und Aussichten auf Farbmeere. Der Ausstellungstitel „Kennst du das Land…“ fragt dabei einerseits nach dem Wesen von Landschaft, nach Erscheinungsformen der Welt und andererseits nach damit zusammenhängenden Weisen der Aneignung und des Erkennens, nach Wahrnehmung und Erinnerung.
Es scheint das Wesen von Sprache und Kunst im Allgemeinen und der Bilder der Künstlerin Uta Jeran im Besonderen zu sein, zwischen der Welt, dem Bild von der Welt und unserer Wahrnehmung zu vermitteln und diese Aspekte der Welt ineinander zu verschmelzen.

Die Malerin arbeitet häufig „plein-air“, malt in der Landschaft. „In“ der Landschaft, weil sie die Landschaftsmalerei nicht als vordergründiges Abbilden und Darstellen interessiert, sondern in ihr wie auch im Bild umherwandert und mit dem Pinsel erkundet. Mit schwungvollem Duktus und zeichnenden Bewegungen nähert sich die Künstlerin dem Motiv an, schichtet Farbflächen, intensiviert Farbempfindungen, abstrahiert dabei auf Wesentliches.
Dabei begibt Uta Jeran sich geografisch und künstlerisch auf die Pfade bedeutender Vorgänger. Wenn sie malerisch den Mont St. Victoire in Südfrankreich beschreitet und so auf Paul Cezanne als einen der Wegbereiter der modernen Malerei Bezug nimmt. So auch, wenn die Malerin an der Küste Pommerns die Übergänge von bläulich grauen Horizonten zu gelblich grünen Hügeln auslotet, oder die, wie in Caspar-David-Friedrichs berühmten Gemälde „Das Eismeer“, gebrochenen und sich auftürmenden Eisschollen in ein Bild setzt. Und doch findet Uta Jeran in diesen Annäherungen an landschaftliche Motive ihre ganz eigenen Wege und neuen künstlerischen Übersetzungen. Vielfältige Eindrücke gerinnen zu einer Komposition - einer Konstellation von Farbtönen, einen Rhythmus der gesetzten Striche, ein Spiel der Schichten und Überlagerungen. Land wird als Form und Farbe, als Bewegung und in der Anschauung sichtbar und erfahrbar. Das Land wird erschaffen und so zur Landschaft.

Die Bilder von Uta Jeran ermöglichen einen Moment der Schwebe - erzeugen einen Zustand von wundervoller Leichtigkeit im Wechselspiel zwischen einem landschaftlichen Motiv und der künstlerischen Bearbeitung.
Als Betrachter und als „Ausstellungsbegeher“ können wir selbst diese verschiedenen Formen der Welt erkunden, können in Bildern wandern und Erinnerungen an Landschaften wachrufen, uns zwischen dem Hiesigen und dem Fernen treiben lassen.

© Marcus Schramm
Greifswald / 2020


««« zurück zu "Texte"